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Sportstadt Leipzig 2.0 – Randsportarten im Visier

Auch wer nicht aus Leipzig kommt, wird wohl wissen, dass der RB Leipzig, der seit 2016 in der 1. Deutschen Fußball-Bundesliga spielt, das Aushängeschild der Stadt ist. Den Handballfans unter uns sollte auch die Quarterback Immobilien Arena ein Begriff sein. Und die vielen Freizeitsportler:innen zieht es im Sommer an den Kanupark Markkleeberg sowie die vielen umliegenden Seen. Danach hören auch bei mir die ersten Assoziationen (von Leipzig als Sportstadt) auf.

Googelt man „Sportstadt Leipzig“, stößt man tatsächlich als erstes auf die Olympiasport Leipzig GmbH. Eine Organisation, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1999 die Vermarktung Leipzigs als Sportstadt auf die Fahne geschrieben hat.

Und auch im Leipzig-Lexikon wird man unter dem Stichwort fündig. Auch wenn es in Leipzig ca. 400 Sportvereine gibt[1], die knapp 70 Sportarten abdecken, stellt sich die Frage, inwieweit sich Leipzig mit dem Titel einer Sportstadt schmücken darf. Olympiastützpunkt und Fußball hin oder her. Der Sport ist genauso im Wandel wie viele andere Bereiche der Gesellschaft auch. Was braucht es also, um sich den Beinamen zu verdienen? Unserer Meinung nach braucht es die nötigen Strukturen, Engagement und eine gewisse Probierfreudigkeit.

Im Rahmen unserer Mini-Serie „Sportstadt Leipzig 2.0“ wollen wir die Argumente für Leipzig anführen, Verbesserungsvorschläge aufzeigen und Defizite offenlegen. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, geben aber unser Bestes, um die Vielseitigkeit des Sports, möglichst viele Facetten und unterschiedliche Perspektiven zu dem Thema abzubilden.

Unsere SPORTAKUS-Redakteurin, Marie Kloppe, hat sich am 19.10.2021 beim Tag des Sports an der Sportwissenschaftlichen Fakultät umgesehen

Randsportarten auf dem Prüfstand

Plakat „Tag des Sports“ – Quelle: Moritz Wehmeier

Im Zuge meines Bachelor- und Master-Sportstudiums (Sportwissenschaft und Sportmanagement) durfte ich schon einige Sportarten theoretisch sowie sportpraktisch kennenlernen. Und auch in meiner Freizeit bin ich vielseitig unterwegs. Angefangen im Leichtathletikverein, schlägt mein Herz noch heute vor allem für das Laufen. Kreuz und quer, Straße und Cross. Von mir aus dürfen auch mal Hindernisse und Schlammlöcher auf dem Kurs dazwischen liegen. Im Winter zieht es mich auf das Snowboard und im Sommer kriegt man mich nur schwer von dem Beachvolleyballfeld weg-gelockt. Daher war ich das prädestinierte „Versuchskaninchen“, als ich vom Tag des Sports von meinen Kommiliton:innen erfahren habe.

Im dritten Semester des Sportmanagement Masters wird von den Studierenden im Modul Sport, Events und Medien die Organisation einer sportbezogenen Veranstaltung gefordert. Die kleine Gruppe aus sechs Masterstudierenden erklärte es sich zum Ziel, ihren Kommiliton:innen neuartige Sportarten näher zu bringen. Eine Wiese, etwas Musik, Bälle, Netze und Hütchen. Mehr braucht es nicht, um das Testfeld an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig an der Jahnallee in ein Testfeld der Trendsportarten* zu verwandeln. Unter dem Namen Tag des Sports konnten kostenfrei, aber mit umso mehr Spaß mal mehr, mal weniger bekannte Sportspiele ausprobiert werden.

Fußball-Tennis – Foto: Moritz Wehmeier

Die kleinen Trampoline von Spike Ball, der Sommertrend der letzten zwei Jahre, waren restlos belegt, was die Beliebtheit des 2-gegen-2-Sportspiels nur noch unterstreicht. Gleich dahinter waren Felder für Fußball-Tennis angelegt. Weil ich mit dem Ball am Fuß nicht allzu gut vertraut bin, habe ich mich stattdessen am Blindenfußball versucht. Dem Sehsinn durch eine einfache Maske beraubt, versuchte ich mich mit Hilfe des rasselnden Balls auf dem Platz zu orientieren. Die Umgebungsgeräusche haben den einfachen Sinnesentzug zusätzlich erschwert. Nach einer haushohen Niederlage, aber um eine Erfahrung reicher, habe ich die Augenbinde abgegeben und mich weiter im Stationsbetrieb bewegt.

Blindenfußball – Foto: Moritz Wehmeier

Wie bei dem Spiel davor, lag das Augenmerk weniger auf einem Trendsport, viel mehr rückte der Inklusionsgedanke in den Vordergrund. Leider kam die Abgrenzung zwischen Trend-, Rand bzw. Inklusionssport wie auch die Erklärung der Sportarten und ihre Bedeutung neben der praktischen Umsetzung etwas kurz. Da hilft es leider auch nicht, die Regeln der angebotenen Sportarten auf einem Tisch auszulegen. Im Gegensatz zu Trendsportarten, die kommen und gehen oder sich gesellschaftlich festigen, ist das Thema der Inklusion im und durch Sport seit Jahren auf der Agenda[2]. Es geht um Gleichberechtigung und, dass Jeder am Sportgeschehen teilnehmen darf.

Rollstuhlbasketball – Foto: Moritz Wehmeier

Wie sich das anfühlen könnte, habe ich bei meinem nächsten Stopp auf dem Basketballfeld erfahren wollen. Angeschnallt im Rollstuhl fieberte ich meiner ersten Begegnung mit Rollstuhlbasketball entgegen. Angefangen mit zögerlichen Armschwüngen, gewöhnte ich mich an das Gefühl, nicht die gewohnte Bewegungsfreiheit zu besitzen. Langsam wurde ich beim Fahren etwas sicherer, nahm schließlich das Spielgerät auf und versuchte mich am Dribbeln und gleichzeitigen Steuern des Fahrgeräts. Nah genug am Korb, probierte ich etliche Male, einen Treffer zu landen. Ich denke, dass es an der ungewohnten Situation lag, dass es mir nicht gelang, das schier unerreichbar hohe Ziel zu treffen.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich dann wieder auf meinen eigenen beiden Beinen. In der Mitte der Grünanlage hatten schon einige Zeit zwei wild hin und her laufende Teams meine Aufmerksamkeit gewonnen. Zuerst beobachtete ich das Geschehen auf dem mit Hütchen abgesperrten Spielfeld, wo sich die Leute sehr präzise ein Frisbee zuspielten. Ultimate Frisbee gilt als eine Extremsportart*, wie der Name schon vermuten lässt, und damit als eine Unterform der Trendsportarten. Bisher hatte ich nur davon gehört. An diesem Tag wurde ich dann freundlich zum Mitspielen animiert. Das ist es, was ich am Sport liebe. Egal, ob du sportlich bist, die Regeln kennst oder nicht. Meistens reicht es, neugierig zu sein und der sportliche Zusammenhalt regelt den Rest. Das ist im weitesten Sinne auch eine Art Inklusion. Auf dem Spielfeld sind alle gleich, weil sie gemeinsam, aber dennoch gegeneinander, ihre eigene Mannschaft unterstützen. Ins sprichwörtliche „kalte Wasser geschmissen“ fand ich mich auf dem Feld wieder und ehe ich mich versah, bekam ich meinen ersten Pass zugeworfen. Viel Zeit für die Orientierung hatte ich nicht. Die Gegner kamen immer näher und versperrten mir damit die besten Wurfwege. Nach vielen nichtgefangenen Zuspielen, fand ich immer besser ins Spiel. Die ausgefallene Spielvariante des bekannten Freizeit-Sport-Geräts lebt von Schnelligkeit, Ausdauer und Taktik und hat mir persönlich am besten gefallen.

Einmaliges Erlebnis oder Beginn einer Tradition?

Resümierend bewerte ich den Tag des Sports als eine gelungene Veranstaltung, die hoffentlich auch in den kommenden Jahren fortgeführt wird. Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich einerseits in neuen bzw. trendigen Sportarten auszuprobieren bzw. die Vielfalt des Sports bekannt zu machen, und andererseits beim gemeinsamen Üben sich kennen zu lernen und in einen Austausch zu treten. An dem Nachmittag trafen neugierige „Ersties“ auf „alteingesessene“ Studierende. Dass es sich aber vor allem um Sportstudierende handelte, die den Nachmittag gestalteten und erlebten, und Studierende anderer Fachrichtungen bzw. auch Mitarbeitende der Sportwissenschaftlichen Fakultät, oder zumindest ein Modulverantwortlicher, nicht mit in den Austausch eingriffen, ist vielleicht auf die mangelnde Werbung im Vorfeld der Aktion zurückzuführen.

Aus internen Kreisen wurde bekannt, dass die Terminfindung zudem durch die schleppende, universitäre Kommunikation verspätet stattfand. Wenn ein solch spannendes Projekt an Studierende übertragen wird, hofft man natürlich, dass von Seiten der Auftraggeber eine gewisse Unterstützung angeboten bzw. auch geleistet wird. Davon war in diesem Jahr leider nur wenig zu spüren. 

Der Grundstein wurde mit dem Tag des Sports zunächst gelegt und das Konzept ist gut und kam an. Für kommende, derartige Veranstaltungen wünschen sich die Organisator:innen ein wenig mehr Unterstützung und Hilfe bei der Weiterentwicklung des Konzepts.

Wie ich und viele andere Sportbegeisterte an dem Nachmittag hautnah erleben durften, hat Leipzig neben den Mainstream-Sportarten Fußball, Handball und Leichtathletik einiges mehr an körperlichen Aktivitäten zu bieten. Wenn Leipzig es schafft, neben den Big Playern, auch z.B. die Trend- und Randsportarten mehr in den Fokus zu rücken sowie die dafür notwendigen öffentlichen Strukturen zur Verfügung zu stellen, stünde dies der selbst ernannten „Sportstadt Leipzig“ sehr gut zu Gesicht.


[1] Vgl. https://www.leipzig.de/freizeit-kultur-und-tourismus/sport/freizeit-und-breitensport-in-leipziger-sportvereinen/

[2] Vgl. https://inklusion.dosb.de/fileadmin/inklusionsdatenbank/Behinderten-_und_Rehabilitations-Sportverband_Bayern_e.V/Handreichung_Inklusion_im_Sport_BVS_Bayern.pdf